Schleswiger Sage

Die Gelbe Blume – Eine Sage aus Schleswig

König Abels Schloss in Schleswig, wo der Verrat an seinem Bruder Erik geschah, ist spurlos verschwunden. Aber im Grunde unter dem grünen Rasen findet man auf der Möweninsel vor Schleswig noch alte Kellermauern. Dort liegen die Schätze des Königs. Nachts erblickt man dort oft Lichter und
Flämmchen. Schatzgräber haben oft ihr Glück versucht, aber noch keiner ist an die großen Schätze herangekommen.

Eines Nachts ging ein Mann einsam am Schleiufer entlang, und wie er aufblickte, gewahrte er auf der Möweninsel ein helles Leuchten. Neugierig und erstaunt über das Wunder folgte er dem Schein. Er merkte gar nicht, dass er über das Wasser ging. Die blanke Oberfläche trug ihn, als ginge er übers Eis.

Das Leuchten wurde immer heller und heller und endlich stand er vor einem nie gesehenen großen Schloss. Im Schlosshof aber erblickte er eine wunderbare gelbe Blume, die hell aufleuchtete und alles mit einem feenhaften Glanz überzog. Der Mann brach sie und ging damit zum Schlosse. Die mächtigen Türen waren fest verschlossen. Wie aber der Mann die Blume dagegen hielt, so sprangen die Türen auf. Er ging durch alle Gemächer, und eines war prächtiger als das andere. Im letzten Saal fand er eine reich gedeckte Tafel. Er setzte sich nieder, aß und trank nach Herzenslust und als er fertig war, stand er auf und wollte wieder gehen.

„Vergiss das Beste nicht!“ Der Mann sah sich um, doch er konnte niemanden erblicken. Unter all den Kostbarkeiten, die ringsumher standen, fand er nichts schöner, als einen großen silbernen Becher von gar edler Arbeit. „Vergiss das Beste nicht!“ Der Mann griff nach dem Becher und wollte gehen.

„Vergiss das Beste nicht!“ Verwundert schaute er sich noch einmal im großen Saale um, doch konnte er nichts Schöneres erblicken, behielt den Becher in der Hand und ging damit wieder über das Wasser zurück in die Stadt. Am Ufer angekommen, wandte er sich noch einmal um, das Schloss mit all seiner Herrlichkeit war wie vom Erdboden verschwunden. Niemals, niemals hat er es wieder erblickt. Erst in hundert Jahren blüht in einer einzigen Nacht die gelbe Blume wieder.

Wer das Glück hat, sie zu sehen und zu pflücken kann das Schloss betreten. Der Mann aber behielt den Becher, später ist er in die Gottorfer Kunstkammer gekommen, wo er als Prunkstück gezeigt wurde. Heutzutage sind derlei Dinge in Kopenhagen zu bewundern.

Bearbeitung Susanne Schoppmeier